Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Freiberger Silberbergbau intensiviert, neue Schächte wurden geteuft und die bestehenden Gruben, insbesondere die Himmelfahrt Fundgrube mit ihren zahlreichen Schächten, in ihrer Förderkapazität ausgebaut. Der Turmhofschacht ist von 1842 bis 1857 als Richtschacht und als Hauptförderschacht abgeteuft worden. Damit sollten die Erzgänge der alten Thurmhofer Gruben abgebaut werden. Es wurden u.a. der Himmelfahrter Kunstgraben bis zum Thurmhofschacht angelegt, Gebäude für eine Setzwäsche, ein Dampfwalzwerk und ein Nasspochwerk errichtet und technisch ausgestattet. Die Thurmhofer Poch- und Setzherdwäsche wurde 1846 in Betrieb genommen und verarbeitete das geförderte Roherz der beiden Schachtanlagen Thurmhof Richtschacht und Abraham Fundgrube bis zur Inbetriebnahme der zentralen Erzwäsche (Zentralwäsche) zwischen Davidschacht und Abrahamschacht 1889 für die Schäche der Himmelfahrter Fundgrube.

Von der Aufbereitungsanlage sind heute als Sachzeugensubstanz nur noch die Gebäude, ein Relikt der Antriebswelle in dem Stangenschacht des Erzwalzwerkes und die Radstube  mit dem Wasserrad für das ehemalige Nasspochwerk vorhanden.

Unmittelbar am Pochwerksgebbäude wurde im Fußbereich der Halde des Kleinharter Schachtes 2 m unter Geländeoberkante die Radstube für das Pochwerksrad angelegt und in Natursteinmauerung ausgebaut. Die Radstube hat die Ausmaße 10,75 m lang, 12,45 m tief und ist in der Mitte 2,47 m breit. Bedingt durch ihren tonnenförmigen Grundriss beträgt die Breite der Stirnseiten nur 2,00 m. Das Wasserrad wurde 1846 für eine angedachte Betriebszeit von 25 bis 30 jahren gebaut, hat einen Durchmesser von 9,72 m, eine Schaufelbreite von 1,50 m und konnte bei voller Beaufschlagung eine Antriebsleistung von 12,5 PS erzeugen. Das Rad wurde und wird auch heute noch mit Wasser aus dem Himmelfahrter Kunstgraben beaufschlagt. Von hier aus wurde das Wasser kaskadenartig im Grubebereich der Himmelfahrter Gruben bis zum Niveau der Freiberger Mulde zur Wasserhebung und Schachtförderung mehrfach genutzt.

Das Pochwerksrad ist im deutschen Erzbergbau der älteste im nahzu kompletten Originalzustand erhaltene, noch funktionsfähige und leicht zugängliche Sachzeuge der Energieerzeugung aus Wasserkraft im Bergbau.

Das Wasserrad ist aus Lärchenholz gefertigt und sitzt als oberschlächtiges Wasserrad auf einer ca. 3,0 m langen und aus Tannenholz gezimmerten Welle mit einem Querschnitt von 0,65 x 0,65 m. Die Welle ist im Einsteckbereich der Wellenzapfen für die Aufnahme der Spannringe rund. Das Rad besteht aus acht Haupt- und 16 Hilfsarmen und ist mit 84 gusseisernen Schaufeln bestückt. Diese sitzen eingefalzt in den Radkränzen und sind im Inneren des Rades mit Lärchenholzbrettern verschlossen. Im jetzigen Zustand beginnt sich das Rad nach der Füllung von vier bis sechs Schaufeln mit Aufschlagwasser zu drehen.

Durch die Benetzung des Radkörpers infolge in die Radstube tropfender und stark mineralisierter Haldensicker- /Niederschlagswässer und wahrscheinlich durch unkontrolliert zufließendes Wasser aus dem Kunstgraben wurde der Radkörper ständig befeuchtet und somit weitestgehend gegen Pilzbefall und Fäulnis geschützt und konnte so durch zeitweise erfolgte Rotation seine Funktionalität erhalten. Nur so ist erklärbar, dass uns das Rad über diese Zeitspanne erhalten blieb und in den 50-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zufällig wiederentdeckt werden konnte.

Montanregion ErzgebirgeDer Radstubenkomplex wurde in den Bestand des Forschungs- und Lehrbergwerkes der TU Bergakademie Freiberg integriert, das Rad generalüberholt und die Zugänglichkeit verbessert. Für den Besucherbetrieb konnten in dem Gebäudekomplex zwei Räume ausgebaut werden, in denen über die Stoßherdwäsche und das Nasspochwerk sowie über der System der Bereitstellung des Aufschlagwassers informiert wird.

Der Radstubenkomplex kann in Wanderbekleidung besichtigt werden. Führungen können über unser Kontaktformular oder telefonisch nach Vereinbarung erfolgen. Die Anlage ist Teil des Projektes Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří.

Text: Dr. Karl Heinz Eulenberger